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Das Malspiel
Es geschieht immer wieder, dass Sätze, ja ganze Abschnitte aus meinen Schriften oder Vorträgen von Menschen, als Bezugsquelle für ihre Tätigkeit zitiert werden. Es sind oftmals Kunstschaffende oder Kunsttherapeuten, die etwas ganz anderes als das Malspiel anbieten. Aber sie kennen den Unterschied zwischen ihrer und meiner Tätigkeit gar nicht, sie wissen nicht, dass die Formulation, die der Malort hervorruft, mit der Kunst nichts gemein hat. Genauer gesagt, sie wollen es gar nicht wissen. Sie erfuhren von mir aus zweiter oder dritter Hand und fanden es nicht notwendig, dem Genannten nachzugehen. Schließlich bin ich ja noch da, bin erreichbar, gebe mir Mühe, jede Anfrage zu beantworten, jeden, der es wünscht, zu empfangen; und viel Unwahres zu berichtigen, das sich unvermeidlich verbreitet.
Es ist immer verdächtig, wenn jemand von meiner „Methode“ spricht, wenn das von mir eingeführte Malspiel als „Ausdrucksmalen“ bezeichnet wird, wenn sich jemand als Atelier-Leiter vorstellt oder als „Malbegleiter“ bezeichnet.
Für mich sind genaue Benennungen wichtig, damit es nicht zu Verwechslungen kommt. Ich war seit je bemüht, originelle Bezeichnungen für das von mir Eingeführte zu erfinden, und ich lege Wert darauf, dass sie nicht entwendet werden; so wie überhaupt das Besondere, das den Malort betrifft, mit größter Genauigkeit vorgestellt werden muss. Gerade daran lässt sich das Authentische erkennen.
Sei es aus Ignoranz oder mit einer gezielten Absicht: diejenigen, welche behaupten, das Geschehen im Malort erweitert oder ergänzt zu haben, verbreiten eine gefälschte Information. Sie bedienen sich der von mir erdachten Einrichtung, mit ihren erprobten Bestandteilen, den unbezweifelt praktischen Vorteilen und entwenden sie zu ihrem anderen Zweck, zugunsten einer anderen – keinesfalls verbesserten Handhabung.
Das Malspiel ist keine Kunstherapie. Was sie unterscheidet, ist grundlegend. Die Malspiel-dienende-Person hat zu den im Raum gegenwärtigen Personen eine besondere Einstellung und spielt eine genau definierte Rolle. Sie begleitet nicht den Malenden auf dem Weg zu einem versprochenen Ziel. Sie erwartet so wenig wie die malende Person ein Resultat.
Wissend, dass die Formulation nicht das Befinden der Person in Inszenierungen oder deutbaren Verbildlichungen verkörpert, sondern den nie zuvor erfassten Ursprung des Wesens durch diese Ausdrucksspur belebt, fordert sie keinesfalls eine auf das gegenwärtige Befinden bezogene Äußerung heraus. Die Spur ist nicht wie ein Schrei, ein Hilferuf.
Was die
Formulation zur Äußerung bringt, entgeht jeder Überlegung und könnte
keinesfalls in Worte gefasst werden. Es entgeht gerade dem
Mitteilungsbedürfnis.
Dass also die im Malspiel geschehende Spur nicht besprochen wird ist kein Mangel, sondern die unumgängliche Voraussetzung für die unersetzliche, nie zuvor ermöglichte Äußerung des embryonalen Erlebens. Aus diesem Grunde spreche ich nicht von einem Heil-Prozess; Folge des Erlebens im paradieshaften Malort ist eine ungeahnte Erfüllung, weil der Mensch durch die Formulation den Anschluss an seinen verloren gegangenen Anfang findet.
Das Malspiel geschieht ohne künstliche Hilfsmittel. Es regt natürliche aber unbeansprucht gebliebene Fähigkeiten an. Es setzt die Perfektheit der Einrichtung und die Kompetenz der dienenden Person voraus.
Es ist verständlich, dass eine so neue Tätigkeit Fragen auslöst – allerlei Fragen - auf philosophischer, wie auch auf ganz praktischer Ebene. Und jahrein jahraus, bemühe ich mich, jede dieser Fragen zu beantworten.
Es ist wichtig zu erklären, warum diese Reisnägel für das Malspiel geeignet sind, und nicht irgendwelche anderen; warum es zwei kleine Pinsel für jede Farbe sein müssen, die in der erhöhten Pinselträger-Rinne nebeneinander liegen, und der große darauf. Das hat ein wichtiges Spiel zur Folge und setzt natürlich Pinselträger auf dem Palettentisch mit genau dieser Rinne voraus, und nicht mit einer davon abweichenden, die gerade diese wünschenswerte Handhabung unmöglich machen würde. Nebensache? Kleinigkeit? – Nein, ganz im Gegenteil! Diese Anordnung entwickelt eine Geschicklichkeit, derer sich das Kind – das ganz kleine insbesondere – bewusst wird. Und das ist für die Persönlichkeitsentwicklung bedeutungsvoll.
An diesem
Beispiel sei erkennbar, wie wichtig jede Einzelheit im Malspiel ist, das
sich während der 60 Jahre seines Bestehens zur absoluten Perfektion
entwickelt hat. Natürlich läuft es so makellos auch nur bei fest
überzeugten Malspieldienenden ab. Diese Überzeugung ist die Grundlage
ihrer erlernten Kompetenz, und das schließt vor allem jegliches
Improvisieren aus: das Ungefähre, nur teilweise dem Malspiel Entnommene,
und deshalb völlig Unannehmbare.
Die dienende Rolle schließt ermessen, vergleichen, beurteilen aus. Sie setzt die Fähigkeit voraus, sich in jedem Moment des Spielablaufes in die Lage des anderen zu versetzen, seine Bedürfnisse zu beachten, uneingeschränkt gegenwärtig zu sein in dem Raum, der ermöglicht, was sonst nirgendwo geschehen kann.
Auf die Frage, ob ich diese Rolle angenehm finde, antworte ich entschieden: ich bin davon seit über 60 Jahren endlos begeistert und hoffe, dass den Tausenden von Malstunden, die ich erlebt habe, noch viele weitere folgen werden.
Arno Stern, März 2010
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